Lange, gewundene Straße

Stolperstein 5: Die unterschätzte Innovation

In Unternehmen, die noch wenig Erfahrung mit Entwicklungsprojekten haben, werden Aufwand und Zeitbedarf für die Umsetzung innovativer Ideen regelmäßig unterschätzt. Nicht selten ist daher unerwarteter Mehraufwand der Grund für das Scheitern einer Innovation. Lesen Sie in diesem Artikel, wie Sie ein realistischeres Bild von Ihren Innovationsvorhaben bekommen können.

Schnellschuss statt Volltreffer

Nicht selten höre ich von neuen Kunden, die ein Innovationsprojekt starten, dass sie „in drei bis vier Monaten“ damit auf den Markt gehen wollen. Erlebt habe ich einen so schnellen und gleichzeitig erfolgreichen Entwicklungsprozess jedoch noch nicht. Typischerweise muss diese Kundenvorstellung mit dem Faktor zehn bis zwölf multipliziert werden, um eine realistischere Einschätzung der Projektdauer zu erhalten. Wir reden also von drei bis vier Jahren, statt Monaten.

Andersherum formuliert: Wenn es nur drei bis vier Monate von der Idee bis zum Markt braucht, ist es oft entweder nicht besonders innovativ oder nicht besonders ausgereift.

Wie kann man diese Unterschätzung vermeiden und Innovationsprojekte realistischer planen? Hier sind fünf Strategien, um Innovationsprojekte nicht zu unterschätzen:

Vorbereitung

Auch, wenn Sie in Innovationsprojekten Ihre Pläne oft ändern oder gar über den Haufen werfen müssen, ist eine gute Vorbereitung unabdingbar. Mit guter Vorbereitung kann man viele Risiken eindämmen, beseitigen oder wenigstens besser einschätzen. Wenn Sie damit im Anschluss die eine oder andere Sackgasse vermeiden, hat sich der Vorbereitungsaufwand gelohnt.

Köche nennen es Mise en Place – das Zurechtlegen und Vorbereiten aller nötigen Zutaten und Werkzeuge, bevor der Stress los geht. Genau so können Sie es mit Ihren Innovationsvorhaben machen. Klären Sie wichtige Fragen im Vorfeld, damit Sie später den Kopf für die Entwicklung frei haben. Über diese Fragen werde ich einen eigenen Artikel schreiben. Hier sind deshalb nur einige Beispiele für mögliche vorbereitende Fragen. Es gibt keinen Grund, diese Fragen erst zu klären, wenn Sie schon mitten in der Entwicklung stecken:

  • Warum will ich etwas neues entwickeln / etwas vorhandenes verbessern?
  • Was ist das Ziel, was ich mit meinem Innovationsprojekt erreichen will?
  • Welche Art von Kunden soll mein zu entwickelndes Produkt- oder Leistungsangebot ansprechen?
  • Gibt es einen Markt für meine geplante Entwicklung? Wie sieht dieser aus?
  • Was soll der Nutzen der Entwicklung für bestehende/neue Kunden sein?
  • Wie ist der Stand der Technik im Bereich meines Innovationsvorhabens?
  • Kann/will/muss ich Teile der Entwicklungsarbeit an Fremdfirmen vergeben?
  • Mit wem kann ich kooperieren, um fehlendes Know-how, fehlende Infrastruktur oder fehlende Technologie zu kompensieren?
  • Gibt es Schutzrechte, die meine geplante Entwicklung betreffen?
  • Wie will ich mit der Entwicklung später Geld verdienen?
  • Wie viel kann/will/muss ich in die Entwicklung investieren? Wo ist die Schmerzgrenze, bei der die Kosten-Nutzen-Kalkulation ins Negative kippt?

Mit guter Vorbereitung verhindern Sie nicht alle Unwägbarkeiten. Sie schließen aber zahlreiche bereits im Vorfeld aus. Durch gründliche Vorbereitung erledigt sich auch manche schlechte Idee, die anfangs gut aussah von selbst. Nicht zuletzt gibt Ihnen die Vorbereitung eine Orientierung für Entscheidungen im späteren Entwicklungsprozess: Weitermachen? Neu orientieren? Abbrechen? Wenn Sie Ihre Hausaufgaben gemacht haben, wissen Sie meist, wie Sie sich zu entscheiden haben.

Insgesamt bekommen Sie durch die Vorbereitung ein viel besseres Bild Ihres Entwicklungsvorhabens und können weitaus realistischer einschätzen, wie lange Ihr Projekt dauern wird und was Sie außer Zeit noch investieren müssen.

Auf andere hören

Sie sind schon auf dem richtigen Weg, denn Sie lesen ja meinen Artikel 😉 Aber im Ernst, falls Ihre Innovation keine Prozessoptimierung für den internen Gebrauch ist, dann sind Ihre Kunden diejenigen, bei denen das Ergebnis Ihres Innovationsprojektes gut ankommen muss. „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“ formulierte es Helmut Thoma, der langjährige RTL-Chef, der seinen Sender zum erfolgreichsten und profitabelsten Europas machte.

Wenn mir das Programm eines Senders nicht gefällt, zappe ich sofort weg. Ihre Kunden machen das mit Ihren Produkten genau so. Nutzen Sie also jede Gelegenheit, mehr über die Bedürfnisse Ihrer Kunden zu erfahren. Was gibt es für Reklamationen? Wofür entscheiden sich Interessenten, die nicht zu Kunden werden? Was fragen Interessenten über Ihre Produkte? Was steht in Rezensionen bei Amazon? Belassen Sie es nicht bei der Recherche in diesen vorhandenen Informationen, denn die betreffen immer Ihre schon vorhandenen Produkte. Gehen Sie aktiv auf Ihre Zielgruppe zu und fragen Sie, wo deren größte Probleme liegen.

Wenn Sie genauer wissen, was Ihre Zielgruppe am dringendsten braucht, dann fällt sowohl die Vorbereitung, als auch die Durchführung des Innovationsvorhabens wesentlich leichter. Mit dem Ziel vor Augen werden Sie sich in weitaus weniger Sackgassen verlaufen. Und Sie haben – hoffentlich – einen engen Kontakt zu wichtigen Kunden und Interessenten aufgebaut, die genau das brauchen, was Sie entwickeln. Der wirtschaftliche Erfolg ist so nur noch Formsache.

Eine Warnung noch: Nehmen Sie die Kundenanregungen nicht zu wörtlich. Henry Ford wird das Zitat zugeschrieben: „Wenn ich die Leute gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt, schnellere Pferde.“ Kratzen Sie nicht nur an der Oberfläche, sondern versuchen Sie, das zugrundeliegende Problem zu erkennen und mit Ihrer Innovation zu lösen.

Und um zum Anfang dieses Tipps zurückzukommen: Sogar bei internen Prozessinnovationen gibt es Kunden, die besser als Sie wissen, was sie brauchen. Das sind die betroffenen Mitarbeiter.

Panta rhei – alles fließt

Innovation heißt, dass Sie eine neue Idee auf den Markt bringen wollen. Sie wollen etwas umsetzen, was zuvor noch niemand getan hat – in Ihrer Firma, Ihrer Branche oder sogar auf der ganzen Welt. Wie können Sie annehmen, so etwas planen zu können wie jedes andere Projekt?

In unbekanntem Terrain müssen Sie sich vorsichtiger bewegen. Sie werden Rückschläge erleben, Sie werden Sackgassen entdecken und Sie werden sich festfahren. Das alles kostet Zeit und Geld. Und Sie werden vor allem Ihre Pläne fortlaufend anpassen müssen:

  • weil die technische Machbarkeit Grenzen setzt oder neue Chancen eröffnet
  • um die wirtschaftliche Machbarkeit zu sichern
  • um das Projekt den Anforderungen der Zielgruppe anzupassen

Mit jedem Schritt vorwärts in Richtung Markt ergeben sich neue Fragen und neue Möglichkeiten. Lassen Sie Raum dafür. Ich habe noch kein erfolgreiches Innovationsprojekt erlebt, was nicht auf dem Weg zwischen Projektstart und Markteinführung erheblich verbessert wurde. Mit einem zu knappen und vor allem zu festgelegten Zeitplan würgen Sie solche Verbesserungen ab. Am Ende kommt weniger heraus, als mit mehr Zeit und mehr Freiheit möglich gewesen wäre.

Kontrolle ist besser

Oft wird vergessen, Zeit für ausführliche Tests einzuplanen. Sie sind dann vielleicht schneller fertig und auf dem Markt, dafür aber auch genau so schnell wieder weg. Es ist praktisch ausgeschlossen, dass Ihr Produkt auf Anhieb fehlerfrei ist. Wenn Sie diese Fehler nicht selbst finden können, weil Sie sich die Testphasen geschenkt haben, dann lassen Sie die Fehler auf Ihre Kunden los. Im Software-Bereich spricht man von „Bananen-Software“, wenn das Produkt – wie Bananen – erst beim Kunden richtig reift.

Klar, die Kunden finden die Fehler früher oder später und teilen sie auch mit, damit sparen Sie sich einen Teil der Arbeit und lassen ihn die Kunden erledigen. Aber erstens haben Sie dann einen Schwung enttäuschter oder gar frustrierter Kunden, zweitens wirkt es nicht besonders professionell, wenn viele Fehler auftreten, insbesondere solche, die bei typischen Anwendungsszenarien entstehen, und drittens erzählen diese Kunden das auch weiter.

Ziehen Sie diesen Reifeprozess vor. Testen Sie so viel wie nötig, um die Fehlerquote niedrig zu halten. Beginnen Sie damit schon bei den ersten Funktionsmustern und hören Sie damit auch nach der Markteinführung nicht auf. Testen Sie im Labor, in simulierter Realumgebung, in echter Umgebung und schließlich auch mit echten Testkunden oder Probanden (die natürlich darüber informiert sind, Testkunden zu sein). Spielen Sie alle typischen Szenarien der Nutzung durch und alle Umweltbedingungen, denen Ihr Produkt ausgesetzt werden kann.

Profi-Tipp: Lassen Sie auch einen unabhängigen Experten testen, wenn Sie schließlich der Meinung sind. die Fehlerquote auf ein akzeptables Maß gesenkt zu haben. Ein Qualitätssiegel einer renommierten Organisation kann durchaus deutlichen Einfluss auf den möglichen Absatz haben.

Das Alles – und noch viel mehr

Tipp Nr. 5 ist eigentlich kein neuer. Es spricht nichts dagegen und wird sogar ausdrücklich empfohlen, die bisher genannten vier Strategien zu kombinieren:

  1. Bereiten Sie Ihr Innovationsprojekt gründlich vor
  2. Finden Sie heraus, was Ihre Zielgruppe wirklich braucht
  3. Planen Sie Zeit ein für Rückschläge, Fehler und Unwägbarkeiten
  4. Planen Sie Zeit und Infrastruktur für praktische Tests

Es ist nicht so, dass dem Erfolg Ihres Innovationsprojektes jetzt nichts mehr im Weg steht. Aber zumindest ist es jetzt ein Weg. Ein langer, gewundener, bergiger, aber zum Erfolg führender, wenn Sie Ihn bis zum Ende gehen.

 

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